Tape-Text

von Michael Aniser

Hüllen: Sacred Tapes – Archive Box #001

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Zurück zum… genau: BETON! Das schöne an Kassetten ist ja auch, dass man verpackungstechnisch relativ viele Möglichkeiten hat. Sacred Tapes, ein junges Label aus Manchester, trägt dazu ordentlich schwer auf und packt seine ersten sechs Releases als Rückschau in wunderbaren Sichtbeton. Zu den Werken von u.a. Christopher William Anderson, Druss, Swagger Jack gibt’s also nochmal 4,1 Kilo Ballast mit drauf.

“A chance for all those who missed out on the limited initial runs of these albums and EPs or for those those new to the label wanting to explore what we do. Containing over 4 hours of music split over 3 albums and 3 Eps including various collaborations and solo work by members of Gnod, Tombed Visions,Yes Blythe, Horrid and the defunct Operations.”

Der Betonblock kann ab jetzt auf der Sacred Tapes Bandcamp Seite vorbestellt werden.

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Review: Gora Sou – Living XXL

(Noumenal Loom, C34, 2014)

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Anfang des Jahres hat Mike Powell in seinem Text “Anything But Quiet: New Age Now” ein Genre neu verortet, in dem er behauptete “new age now appeals to many who once may have identified as punks.” Genau da setzt auch Gora Sou an, der sich in seinen weit ausufernden Tracks ganz weit zurücklehnt, an den Punkt wo der Stuhl eigentlich schon umkippen sollte und man sich doch wieder fängt und vollgepumpt mit Adrenalin irgendwie wieder weitermacht. Tracks wie Catalina Golf Cart Rental oder Three Palms Avalon existieren in Sphären in denen lange Strandspaziergänge tatsächlich solche sind und nicht nur klischeehafte Schemata auf Online Dating Profilen. Aber das ist eigentlich egal. Ein trotziges Aufbäumen im Gewöhnlichen. Im Mäandern und Flanieren finden sich Übergänge ins Magische. Oder wie Powell weiter schreibt:

“In a way, these musicians—people like Iasos, Constance Demby, J.D. Emmanuel, and Peter Davison—functioned as punks: countercultural figures generally dissatisfied with the universe as presented to them by television, the government, public school, and other familiar systems of control.”

Gora Sou ist sonst als Drittel der Band Sizarr vor allem in post-post-punkigen Indie Gefilden unterwegs und kann sich Solo also erstmal auf was anderes konzentrieren. Ein weiterer spannender Aspekt der Kassette ist die nähe zu Corporate oder Library Music. Auch so ein gern ignoriertes Genre. Tracks wie The Family Heart Center oder Real Lava Adventures laden in die Sky Mall ein und schwurbeln ganz sanft in Post-Kapitalismus Sphären herum. Die Panflöte als Unique Selling Point, Yoga als Chance.

Living XXL ist auf dem Label Noumenal Loom erschienen, das Cover Artwork kommt von Birch Cooper – einer Hälfte des Noise-Duos MSHR. 100 Stück wurden produziert und können bequem über Bandcamp bestellt werden.

Review: Jacques Kustod – Hit The Lights, Sky To Speak – Ruin

(beide: Exitab, C60, 2013)

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Neues aus dem Osten! Exitab operieren von Bratislava aus und haben bereits 50 Releases draußen. Mit Jacques Kustod und Sky To Speak liegen mir die beiden vorletzten aus dem Dezember 2013 vor, inzwischen hat das umtriebige Label auch noch Sekta obetí, Shape und Wake Up In Bits veröffentlicht. Diese werden an gleicher Stelle etwas später besprochen.

Jacques Kustod ist ein junger Produzent aus Brno, der heute in Bratislava lebt und 2011 mit seiner First Year EP für relativ großes Aufsehen im relativ kleinen Slovakischen Underground sorgte. Auf Hit The Lights holt sich Jacques Kustod mit Lightning Glove und S Olbricht gleich einmal zwei der innovativsten osteuropäischen Projekte als Remixer. Erstere haben mit Raving Peacocks Tail auf Tesla Tapes eines der absolut härtesten Stücke Musik der jüngeren Neuzeit vorgelegt, in dem krasses Beatgeshredder und zerschossene Basslines auf absolute düstere Melodien treffen. In ihrem Remix reduzieren sie das Titelstück Hit The Lights dann auch auf das absolut Wesentlichste und rennen im Stakkato in den Abgrund.

S Olbricht, Ungarn’s Underground Wunderkind, hat sich vor kurzem gleich auf zwei meiner absoluten Lieblingslabels austoben dürfen: mit der vielleicht etwas ungeschickt betitelten Industrial Kampfansage Deutsch Amerikanische Tragödie auf Opal Tapes und zusammen mit Carla Under Water auf einem eher EBM-lastigeren Split-Tape auf sic sic. Neben diesen Remixen gibt es noch zwei weitere Bearbeitungen von Stix und Still Life zu hören. Und einen Secret Track von Palmovka, den man sich inzwischen auch ganz in Ruhe auf Soundcloud anhören kann.

Sky To Speak wagt sich mit der EP Ruin ganz nah an die Unendlichkeit und kommt als Loop-Tape daher – die zumeist analogen Jams wurden fein auf das Magnetband aufgefädelt und schweben leicht zwischen Psychedelic und Techno dahin, wie eine Metallscheibe zwischen zwei starken Elektromagneten. Auch die drei Remixe auf der B-Seite – falls man hier überhaupt von einer B-Seite sprechen kann – gleiten locker vom Band und lullen noch eine Spur weiter ein. Besonders schön ist hier natürlich die Loop-Tape Komponente, ideale Kassette zum einschlafen, oder – wie im Pressetext so schön vermerkt – bis sich das Tape selbst zerstört.

Eine Hommage an William Basinski‘s Projekt The Disintegration Loops, in dem sich der Klangkünstler im Jahr 2001 dem Zerfall widmete, indem er zwei Loops von Magnetbandaufnahmen aus dem Jahr 1982 gesamplet und diese immer wieder abgespielt hat, bis wortwörtlich die Magnete vom Band gefallen sind (korrekt ausgedrückt haben sich die Ferrite vom Band gelöst, das klingt aber nicht so cool.) Ich bin mal gespannt wie oft ich Ruin noch abspielen kann, bis ich es dann ruiniert habe.

Wie immer am besten schnell zugreifen, da die Tapes in Mikroauflagen von nur 33 bzw. 30 Stück erschienen sind.

Review: popnoname – 7°

(Camp Magnetics, C45, 2014)

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Am geilsten ist es natürlich, obige Verpackung mit einem Küchenmesser aufzuschneiden. Da setzt das Sammlerherz dann auch mal kurz 2 Schläge aus, während man sich dann aber doch auch fragt, was denn da nun drin ist. Drinnen findet sich ein Mixtape, das sich, ganz dem schwarz auf schwarz Design der Verpackung zum Trotz, super ausufernden Krautrock und Ambient Jams verschrieben hat und schön flächig in Richtung Peak fährt. Eine 45 minütige Abfahrt in alle möglichen crazy Soundbereiche. Von flirrend warmen Synthflächen bis über gemütlich pluckernde analoge Beats reicht das.

Popnoname ist der Kölner Musiker Jens-Uwe Beyer, der schon mit Can-Drummer Jaki Liebezeit musiziert hat und das Kölner Label Magazines mitbetreibt. Die Kassette 7° lebt aber vor allem von ihrer Verpackung – wer sich sowas noch ins Regal stellen/legen will der greift am besten sofort zu, die Auflage von nur 50 Stück dürfte jeden Moment vergriffen sein. Alle Infos zur Bestellung und einige Soundsnippets finden sich auf der Camp Magnetics Website.

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Review: Marimba – s/t, The lost and found sound – Hallelujah, I’m a bum

(Das Andere Selbst, C40, 2013)Das Andere Selbst - Marimba

Das Andere Selbst ist ein Label aus Berlin, das sich vor allem darauf spezialisiert hat, weird liebevolle Lo-Fi Kleinode zu veröffentlichen. Eines meiner Lieblingslabels 2013 veröffentlicht mit Marimba und The lost and found sound gleich zwei großartige Acts, die sich beide irgendwo zwischen verwaschenen Riffs, klimpernden Fieldrecordings und Wohnzimmeraufnahmen finden.

The lost and found sound ist Stacy Stephens, die nach Stationen in der Wüste in Arizona inzwischen an der kalifornischen Küste lebt. Diese biographische Fußnote ist vielleicht nicht weiter wichtig, doch hört man sich durch Hallelujah, I’m a bum wird das Wechselspiel zwischen super trockenem Stoner Rock und verspielt lockerem Küsten Lifestyle. In der Info zum Tape steht, Stephen “[is] trying to capture the feeling of being dropped into the middle of the ocean and somehow being able to swim back to shore.” Das wird dann in drone-ig nervöse Flächen übertragen, die hin und wieder von Percussions durchkreuzt werden. Wir hören sowohl elektrische Gitarren als auch akkustische, digitale Sounds auf dem iPad erzeugt mischen sich mit Effektpedalen. Das ist vielleicht eher mit dem iPad am Strand liegen als im Meer zu ertrinken.

Marimba schlägt in eine ähnliche Kerbe, Delmore FX kümmert sich um Samples und Loops während Bob Yogas die Drums und Streichinstrumente bedient. Die beiden nehmen der Musik jegliche Distanz, es wirkt fast so als würde man mit beiden in einer WG wohnen und ihnen beim Proben im Wohnzimmer zu lauschen.

Die beiden Tapes sind über Das Andere Selbst zu beziehen und jeweils in einer Auflage von 50 Stück erschienen. Deshalb am besten schnell zugreifen.

Review: Haf Haf – Notch

(Gang Of Ducks, C40, 2014)

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Paralyzing poison infects the blood.

GOD – Gang Of Ducks. Schöner Name für ein Labelkollektiv, das von Berlin und Italien aus operiert und seit 2012 schön darke Elektronik Entwürfe veröffentlicht. Auf Haf Haf‘s Notch EP, die bereits auf Vinyl erschienen ist und jetzt noch mal in limitierter Auflage auf Kassette rausgekommen ist, verdichten sich screwed Hip-Hop Elemente mit dunkel verwaschenen Beats, die sich langsam zwischen 100 und 120 BPM einpendeln und sich über scharf verzahnte Filterflächen gegen Walls of Sound behaupten. Alles findet sich im schön bekifften Haze, irgendwo zwischen gemütlichen Beats und nervösem Effektgehasche. Vor allem der Track “Fractal” unterminiert gekonnt downgepitchte Raps mit housigen Samples, während sich der Opener auf der B-Seite “Qwetzal” ganz den räudigen Claps hingibt und Distortion fährt.

Verpackt sind die Tapes in alten italienischen Kassettenboxen, mit überstempeltem Inlay – 2nd-Hand-Romantik zum 2nd-Hand-House. Fantastisch! Gang of Ducks ist eins der derzeit innovativsten Labels, vor allem der beinah ein wenig witchhousig anmutende Grundtenor der Haf Haf Kassette, bringt das Projekt aus Milan ganz nach vorne. 2010 ist ja auch schon wieder vier Jahre her, und die Retro Maschine dreht sich unaufhörlich weiter.

Das Tape ist über die labeleigene Website zu beziehen, und auf 100 Stück limitiert, deshalb am besten schnell zugreifen.

Review: V/A – Dunno Recordings Sampler Vol. 1

(Dunno Recordings, C40, 2014)

Dunno Label Compilation Vol. 1

Lubomir Grzelak betreibt mit Sangoplasmo Records eines der derzeit spannendsten polnischen Kassetten Labels, dass ich schon in meiner Lieblingslabeliste 2013 ordentlich abgefeiert habe. Jetzt expandiert er sein Underground Business und legt mit dem Dunno Records Sampler Vol. 1 eines meiner Lieblingstapes 2014 vor.

Die vier Tracks auf dem Sampler geben dabei einen wunderbaren Überblick, was derzeit in Polen so los ist. Der Opener Heroiny masht post-punkiges mit langsam pluckernden House-Claps und wässrigen Beats. Wilhelm Bras, einer der derzeit absolut spannendsten polnischen Künstler, jamt auf seinem selbstgebauten modular Synthie für einen epischen 12 Minuten Track, der allein schon die 5 Euro wert ist, die das Tape kostet. Dreht man die Kassette um, lassen sich auf der B-Seite noch zwei weitere Highlights entdecken: Takeshi Kazouki, ein japanischer DJ und Producer, der einigen von Veröffentlichungen auf dem Chicagoer Mathematics Recordings Label bekannt sein dürfte, schlurft auf seinem Track langsam den Dancefloor entlang bevor Dunno selbst in die Drummachines greift um einen wild knarzenden und ordentlich kratzigen Techno Entwurf abzuliefern, der durch seine clubtauglichkeit einen interessanten Kontrast du zu den eher experimentellen Tracks auf dem Tape herstellt und, ja, einfach mega abgeht! Man munkelt auch, dass Dunno Recordings an einem Wilhelm Bras Vinyl Release arbeitet. Ich bin gespannt!

Absolute Kaufempfehlung! Als Kassette zu beziehen über den Dunno Recordings Bigcartel Shop, digital auch über Bandcamp.

Review: DJ ShluchT – Snakes On A Plane

(ZamZam Records, C100, 2014)

Guy 1: (irate) Dude, you just ran into the back of my SUV!
Guy 2: (calm) Snakes on a plane man. Snakes on a plane.

DJ ShluchT betreibt die wöchentliche Internet Radio Show DIY Church und legt daneben mit Kassetten und CDs auf. Auf Snakes On A Plane bekommt er nun die Chance seine eklektischen Mixe auch außerhalb von Kellern oder verrauchten Fabriksetagen zu präsentieren. Eklektisch hier auch im Sinne von verweschwenderisch, mit einer Spielzeit von 100 Minuten reizt DJ Shlucht das Medium Kassette erstmal ganz gut aus, und nimmt sich Zeit, die fünf Tracks (Snakes On A Plane 1-5) über flächig verwaschene Beat-Fragmente und zersplitterte Hörspielobskuritäten fließen zu lassen. Ganz klare Kaufempfehlung für alle, die noch nie die Chance hatten DJ-Shlucht live im Club zu erleben.

Der Kassette liegt eine umfangreiche Beschreibung des Phänomens “Snakes on a plane” bei, die allein schon den Kauf wert ist und tief in DJ ShluchT’s Arbeitsweise blicken lässt. Hier ein kurzer Auszug:

1. snakes on a plane
word of the day: August 18, 2006
A simple existential observation, a sort of philosophy that has the same meaning as ”Whaddya gonna do?” or “Shit Happens”. Taken from the upcoming Samuel L. Jackson movie of the same  name, and immortilised by screenwriter Josh Friedman on his blog post of Wednesday, August 17, 2005.

2. snakes on a plane
Manipulative fake internet “viral marketing”, taken from the spamming of popular websites such as Urban Dictionary with fake “buzz” promoting a third-rate Samuel L. Jackson movie.

UD Post: That Samuel L. Jackson movie is the best movie ever!
Savvy Guy: The fucking movie hasn’t even come out yet — you’re just a victim of snakes on a plane.

usw.

Indem hier das bräsig normale des Internets neben smarte Betrachtungen und Underground Phänomenologie gestellt wird, bricht DJ ShluchT den drögen U- und E-Diskurs auf und mäht einmal quer durch alles, was irgendwie wichtig ist. Post-Internet ist schon lange her.

Das Tape ist in einer Auflage von 44 Stück auf Zam Zam Records erschienen, und kann über die bandcamp Seite des Labels bezogen werden.

Review: Superskin – Descent

(Baba Vanga, 2014)

Baba Vanga

In The Ecological Thought beschreibt der amerikanische Literaturwissenschaftler und Ökologe Timothy Morton 2010 zum ersten Mal sein Konzept der Hyperobjekte – Erscheinungen, die durch ihre unübersehbare zeitliche und räumliche Ausdehnung über das Fassbare hinausgehen, wie etwa Erderwärmung, Klimakatastrophe und das Ende der Welt. Diese Hyperobjekte stellen unser Denken vor unüberwindbare Hindernisse und fordern dazu auf neue Wahrnehmungsstrategien zu entwickeln. In einem Interview sagt Morton:

Well, one could think about science as assuming that we might be wrong about something, and then investigating the contours of a thing to assess whether we were wrong or not. One of the most inspiring things about Darwin’s work is that he was ready to let go of categories such as “species” and “genus” that had held since the days of Linnaeus.

Der österreichische Künstler und Musiker Andreas Klotz widmet sich als Superskin auf seinem Tape Descent Sounds die zwischen Trance- und Dub-induzierten Beats flächig oszillieren und sich in ihrer reduzierten Repetition immer wieder finden. Das ist teilweise super langsam, stemmt sich aber immer wieder gegen das völlige Auflösen an. Und in der Stille, im Rauschen zwischen den Beats entstehen neue Bedeutungsebenen weit jenseits von Genre Konventionen oder Einflüssen. Descent erfindet sich neu im Kleinteiligen, in minimalen Variationen schrauben sich die Tracks ins Ohr und aus den Flächen schälen sich eingängige Melodien. Andreas Klotz’ Einflüsse reichen dabei von The Fall bis zu Alec Empire.

Das tschechische Label Baba Vanga hat sich nach der gleichnamigen bulgarischen Seherin benannt, die früh erblindete Ewangelia Pandewa Guschterowa wurde vor allem Mitte bis Ende des 20. Jahrhunderts immer wieder gerne konsultiert und ihre Prophezeiungen finden auch heute immer noch Anhänger. Das Ende der Welt setzt sie auf das Jahr 5079 an, es bleibt also noch ein wenig Zeit sich in Superskins Drones zu verlieren.

Das Tape erscheint am 11. Januar 2014 in einer limitierten Auflage von 55 Stück und ist über Baba Vanga’s Bandcamp Seite zu beziehen.

2013 auf Kassette

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Raus aus dem Gehäuserein in den Markt.

Im Bild oben zu sehen, eines der schönsten Tape-Releases des Jahres 2013. James Roemer, unterwegs als Glochids, hat dieses filigrane Ästchen in Plastik geschraubt um seinen kurzen, ephemeren Field-Recording Stücken die nötige Weltlichkeit quasi reinzudrehen. #backtonature. Für alle die keines der super limitierten Tapes ergattern konnten, bleibt immer noch bandcamp.

2013 war ein wichtiges Jahr für die Kassette, was wohl auch damit zusammenhängt, dass sie ihr 50-jähriges Jubiläum feierte. Das hat Sony gleich mal dazu veranlasst, die Produktion von klassischen Walkmans komplett einzustellen. Macht aber auch gar nichts, auf Flohmärkten und im sortierten Elektro-Schrott Laden um die Ecke sollten noch Bestände für Jahrzehnte liegen. Btw, die MiniDisc wurde dann auch gleich vorsorglich mit eingestellt; cry now if you are 90s kid etc.

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Als 1963 Philips den ersten Kassettenrecorder EL 3300 vorstellte, war das eine kleine Sensation – die in Plastik verpackten Tonbänder ermöglichten es plötzlich jedem und jeder einfache Aufnahmen zu machen. So wurde eigentlich schon sehr früh die Gatekeeper Funktion der Musikindustrie ausgehebelt und DIY-Prinzipien in deutsche Wohnzimmer überführt. Was natürlich erstmal niemanden interessiert hat. Doch über die Jahre, vor allem in den 80ern wurde das Kulturgut Kassette durch Radiomitschnitte und Mixtapes als frühes Filesharing-Format immer wichtiger und hat sich bis heute gehalten. Auch jenseits von Bedroomrecordings und 4-Spur Nostalgie ist das Kassettenrevival nicht wirklich aufzuhalten, so gab es Mitte 2013 auch den vermeintlich ersten International Cassette Store Day, wo plötzlich Jack White and Ozzy Osbourne als Retro-Schutzheilige vorstehen. Gähn. Im Jahr 2012 hat der Laden Volcanic Tongue, mehr als Scherz, den International Cassette Store Day schon einmal ausgerufen. Nur eben leiser.

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Im Jahr 2013 sind unzählige Kassetten auf wahnsinnig vielen Labels erschienen – hier ein kleiner, völlig subjektiver Überblick der besten Tape-Labels 2013.

1. Tesla Tapes

Gnod aus Manchester vertreiben auf ihrem Label Tesla Tapes Artists, die sie selber gut finden und ihre zahlreichen Nebenprojekte. Ich habe im Dezember praktisch gar nichts anderes gehört als dieses Label. Absoluter Geheimtipp für 2014!

2. Sangoplasmo Records

Sangoplasmo aus Polen überzeugt durch Qualität und kurativen Anspruch, die Releases zwischen Drone und experimentellen Kompositionen kommen in liebevoller Aufmachung daher. Burial Hex, Felicia Atkinson und Lutto Lento sind nur ein paar meiner Favoriten auf diesem Label.

3. Opal Tapes

Zu Opal Tapes braucht man nicht mehr viel Schreiben, Stephen Bishop’s Label hat 2013 einmal mehr bewiesen, dass Industrial am besten da passiert, wo früher auch Maschinen liefen. Im tristen post-industriellen englischen Nordosten packt Bishop seine Releases zwar inzwischen auch auf Platte, doch die Underground Perlen kommen meist immer noch auf Kassette daher. Rejections, Huerco S. und Tuff Sherm waren hier meine Favoriten.

4. sicsic Tapes

Das Label aus Frankfurt fiel 2013 vor allem mit einer unglaublichen Release-Frequenz auf, ganze 28 Tapes wurden in Handarbeit und in Kleinstserien zuhause überspielt und dann als Batches vertrieben. Gora Sou ist hier mein Favorit 2013.

5. Feathered Coyote Records

Wer es gerne etwas entspannter und langatmiger mag, kommt am Wiener Label Feathered Coyote wohl kaum vorbei. Alles, was zwischen Folk und Psychedlic passiert, wird hier versammelt und auf Kassette überspielt.

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6. Baba Vanga

Ein geheimnisvolles Label aus Prag, das 2013 vor allem durch ein Release des Projekts Střed Světa aufgefallen ist. Auch so ein kleiner Geheimtipp.

7. Das Andere Selbst

Das Andere Selbst ist Label und Laden in Berlin und released Musik “from our favorite bedroom allstars”. Meine persönlichen Highlights waren hier Blue Stork und Steinzeit. Absolute Lo-Fi Ästhetik und liebevoll verpackte Tapes.

8. NNA Tapes

Beinahe schon ein Klassiker unter den Tape Labels, auch 2013 können NNA Tapes wieder auf einige wunderbare Releases verweisen. Besonders spannend war Felicia Atkinson als Je Suis Le Petit Chevalier und Wanda Group. Aber eigentlich kann man eh jedes Tape bedingungslos empfehlen das auf diesem Label rauskommt.

9. Ascetic House

Marshstepper, Lust for Youth und Destruction Unit stehen im Backkatalog dieses Labels. Vor kurzem haben sie auch noch ein “Prisoneer Outreach Program” gestartet, das es jedem, der gerade im Knast sitzt, ermöglicht die Ascetic House Releases kostenlos zu bekommen. Unterstützenswert.

10. Not Not Fun

Keine Liste ohne Not Not Fun:) 2013 vor allem wegen Moon Wheel und Ensemble Economique.