Das Loop-Tape im Tape-Loop — vom ewigen Comeback der Kassette

Tape Text

Das Tape. Während das Mixtape in Hip-Hop Kreisen nach wie vor gebräuchlich ist, wird das Magnetband sonst eher als archaisch-spleeniges Spielzeug gesehen, das nur noch peripher präsent ist. Immer wieder tauchen Artikel auf, die sowohl das endgültige Aussterben als auch die Rückkehr der Kassette behaupten. Doch bewegt man sich in diese Peripherie – und das wird dieses Blog bestreben –, lässt sich dort der gesellschaftliche Wandel ins post-digitale Zeitalter ablesen. Von Kleinstlabeln bis zur Kirche reicht die Palette derer, die ostentativ oder praktisch am hauntologischen Fädchen ziehen und damit ein Medium am Leben erhalten, das weit mehr ist als simples Plastik.

Der weltweit größte Kassetten-Produzent »National Audio« mit Sitz in Springfield, Missouri produziert täglich in etwa 20 – 50 Tausend Tapes und das »American Made since 1969«, während sich in Deutschland ähnliche Betriebe kaum an einer Hand abzählen lassen. (Audio Service aus Leipzig dürfte hier Instanz sein.) Der amerikanische Noiseartist Nicholas Houde aka SFTSTPS, aus dem Denver Rhinoceropolis Umfeld um Dan Deacon und Pictureplane erklärt deshalb, dass es für ihn persönlich schwierig sei, von einer genuinen »Tape Renaissance« zu sprechen. Die Kassette sei immer schon zentrales Distributionsmedium in kleinteiligen oder ernsthafteren musikalischen Subkulturen gewesen, wie beispielsweise in der losen und weit versprengten Harsh-Noise Szene oder in Punkkreisen.

Die Kassette ist also zuallererst einmal Symbol einer schnelllebigen DIY-Ästethik die neben Stabilität – CDs und Platten sind entweder unhandlich oder zerkratzen – auch schnelle Reaktion fordert. Plug and Play, Push and Record.

Und Tapes nützen ab. Das klingt erstmal nicht so seltsam, doch wenn man bedenkt, dass das Wort »Abnützen« schon in naher Zukunft physisch nicht mehr wirklich mit Musik in Verbindung gebracht werden kann, ist das durchaus ein interessanter Aspekt. So kann die Kassette etwa als Aura-Schälchen gelten, das herrlich physische Supplement zur flüchtigen Bandcamp-Page. Jedes Abspielen ist dann ein kleiner persönlicher Eingriff in die Musik, während das Taggen oder Kopieren eines MP3-Files kaum den erotischen Reiz des Vergänglichen aufweisen kann. Das Rauschen, das dabei langsam entsteht, diese Sphäre die sich mäandernd über die eigentliche Musik schiebt, ist am ehesten das, was wir so hauntologisch lieben. Das Überspielen oder Löschen einer Kassette ist ein beinahe greifbarer Prozess, der einiges an Arbeit mit sich bringt und Zeit frisst und steht damit konträr zu den heute gängigen Kulturtechniken des Löschens, Abbrechens und Skippens steht.

Es geht also um die physischen Verknappung von Information und Handlungsspielraum um die Aufmerksamkeitsökonomie zu unterwandern, so sagt Luke Carrell vom Blog International Tapes, “Im digitalen Zeitalter ist es fast schon unheimlich, etwas in der Hand zu halten, dass nur eine begrenzte Menge an Musik speichern kann.” Diese freiwillige Passivität beinhaltet nicht zuletzt ein gewisses Maß an Mysteriösität.

Rado Z. vom tschechischen Label AMDiscs: »Tapes können konzeptuell als Vorgänger der dekonstruierten Mix-Remix-Kultur der digitalen Post-Portabilität gesehen werden. Sie sind keine Verkaufsschlager, auch wenn sie erfolgreich sind. Tapes sind billig und faszinierend zugleich – easy choice!« Das Artefakt ist in einer post-physischen Welt zu einem begehrenswerten Objekt geworden. Die Kassette vereint diese beiden Pole: Es ist relativ einfach, ein Label zu gründen und Label zu »spielen«. Der Konsument, der das Tape kauft, hat dann aber auch wieder »Arbeit«, weil es den meisten nicht leichtfallen dürfte, die erworbene Kassette auch irgendwo abzuspielen, da kaum noch einer überhaupt einen Taperecorder besitzt. Damit wird man dann gleich wieder in den ewigen Tape Loop mit einbezogen.

Spannend sind hier auch die ökonomischen Nischen und wirtschaftliche Enklaven, die sich durch die Kassette ergeben. So spult praktisch die ganze Kirche noch immer ihre Predigten auf Tape ab, im High-End Wunderland Korea blüht nach wie vor eine Englischkassetten-Ökonomie und wie wir spätestens seit Brian Shimkovitz wissen, gibt es eine ganze Menge Awesome Tapes From Africa. Doch dazu später mehr.

Bildcredit: Still: The Simpsons One Fish, Two Fish, Blowfish, Blue Fish, 20th Century Fox, 1991